Geschichte – oder was wa(h)r?

Die großen Trommler

Amerikanische Geschichtsauslegung oder die Frage: Wer kennt Richard Bong?

An der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert ist der Gedanke, sich mit Motorkraft von der Erde zu lösen, Tüftlern und Phantasten in aller Welt in den Sinn gekommen. Vielleicht ist deshalb die Suche nach der Antwort auf die Frage „Wer war der Erste?" so müßig wie überflüssig. Die Aktion „Projekt Jatho" erscheint andererseits deshalb legitim, weil jenseits des Atlantiks verstärkt der Eindruck vermittelt wird, es seien vorwiegend US-Amerikaner gewesen, die der Luft- und Raumfahrt auf die Sprünge geholfen hätten. Und wenn mehr als 100 Jahre nach den ersten belegten Motorflügen das weltweit führende amerikanische Luftfahrt-MagazinAviation Week” eine Aktion gestartet hat, mit der die 100 herausragenden Wegbereiter der Luft- und Raumfahrt in eine Rangfolge gebracht und gewürdigt werden, dann sollte es im „alten Europa" gestattet sein, das Ergebnis zu prüfen. Deutsche Luftfahrthistoriker haben viel dazu gelernt.

Manfred von Richthofen -The Red Baron

Zum Beispiel, dass ein gewisser Richard Bong in der Liste der 100 Stars deshalb einen würdigen Platz verdient, weil er mit 40 Abschüssen im 2. Weltkrieg als bester amerikanischer Jagdflieger gilt. Es tröstet immerhin, dass „Red Baron" Manfred von Richthofen ebenfalls erwähnt wird. Wahrscheinlich wegen der zahlreichen Filme, die ihn auch in den USA bekannt gemacht haben. Was aber ist mit Hans Joachim Marseille (158 Abschüsse) oder gar Erich Hartmann (352)? Natürlich ist es pervers, darüber zu streiten,

 

Ernst Heinkel und seine HE 178

 

HE 178 und Ernst Heinkel

wer nun mehr Gegner abge- schossen hat. Die Wahl eines Richard Bong belegt jedoch, dass ernsthafte Kriterien bei der Ermittlung der „Top 100 Stars of Aerospace" offenbar nicht berücksichtigt worden sind. Nicht nur deshalb, weil von Karl Jatho keine Rede ist. In der Kategorie „Konstrukteure" aber einen Hugo Junkers zu unterschlagen, einen Ernst Heinkel nicht zu erwähnen, die Namen Dornier, Focke und Fokker unter den Tisch fallen zu lassen, grenzt an Ignoranz.

Wernher von Braun und Hermann Oberth

Werner von Braun
und
Hermann Oberth
 

Auf Initiative von Aviation Week und in Zusammenarbeit mit ICAS (International Council of the Aeronautical Sciences) und AIAA (American Institute of Aeronautics and Astronautics) sind die herausragenden Größen der Luft- und Raumfahrt per Abonnenten- und Internet-Wettbewerb aus 760 Kandidaten nach 15 Kategorien ausgewählt und vorgestellt worden. Ausreden nach dem Motto: „Wir haben ja nur die Plattform geliefert, votiert haben die anderen" kann man nicht gelten lassen. Denn Aviation Week-Herausgeber Kenneth E. Gazzola kommentiert die Aktion ein- deutig: „Eine wirklich internationale Liste ist entstanden..." Ach ja? Weil Wernher von Braun, der immerhin irgendwann Deutscher war, unmittelbar hinter Wilbur und Orville Wright auf Platz 2 der Rangliste gelandet ist, gefolgt von Robert Goddard und dem italienischen Künstler und Luftfahrtvisionär Leonardo da Vinci?

 

Hans von Ohain

 

Hans von Ohain

Otto Lilienthal ist auch berücksichtigt worden, dann noch Ferdinand von Zeppelin und Willy Messerschmidt. Das war´s aus deutschen Landen. Frank Whittle hat die Strahlturbine erfunden, und damit basta! Wer war denn schon Pabst von Ohain? Und was ist mit dem Rumänen Henri Coanda, der schon 1910 mit einem Rückstoßtriebwerk experimentierte? War Eugen Sänger etwa kein herausragender Visionär? Und so tragisch die Katastrophe auch war: was hat die Crew des Space Shuttles „Challenger" in dieser Rangliste verloren?

Andererseits sind Zufallstreffer gelungen. Es erstaunt, dass man sich eines Konstantin Ziolkovsky´s erinnert hat, der allerdings 62 Plätze hinter Robert Goddard rangiert, obwohl der Russe das Prinzip der Flüssigkeitsrakete deutlich vor seinem amerikanischen Konkurenten entwickelt hatte.

Dr. Alexander Lippisch

Dr. Alexander Lippisch (1894-
1976) konstruierte 1939 das Raketenflugzeug Me 163 „Komet"

Alexander Lippisch? Fehlanzeige! Es hat in USA auch niemanden beeindruckt, dass der Russe Alexander Fedorovich Moshaiski sein Flugzeug bereits 1884 mit zwei 15-PS-Dampfmaschinen auf Trab brachte. Und der Franzose Felix du Temple de la Croix, der 1874 das erste motorgetriebene Flugzeug konstruierte und es mit einem Heißluftmotor ausrüstete? Der ist vermutlich an seinem Namen gescheitert, den in USA niemand schreiben, geschweige denn aussprechen kann. Und dass Gustave Whitehead alias Gustav Weißkopf und Karl Jatho noch nicht einmal erwähnt werden, geschweige denn wenigstens einen der hinteren Plätze belegen, macht die Veröffentlichung nicht verständlicher. Die Logik der Auswahl und Rangfolge bleibt wohl das Geheimnis von Aviation Week.

Gunter Hartung


Geschichtsauslegung?

Nicht nur ein Fachmagazin, wie oben beschrieben, beugt die Geschichte, sondern auch Institutionen lassen sich anscheinend vor diesen Karren spannen.

 

Die Smithsonian Institution

 

Historisches
Foto der
Smithsonian
Institution


Orville Wright bemühte sich nach dem Tod seines Bruders Wilbur darum, von der Smithsonian Institution als erster Motorflieger der Welt anerkannt zu werden. Die Smithsonian Institution gilt in den USA als oberste wissenschaftliche Autorität.

Gegen Ende der zwanziger Jahre lehnt die Smithsonian Institution die Anerkennung der Wrights ab, und Orville Wright wusste auch warum. Er entschloss sich deshalb den „Flyer 1” von 1903 dem Museum of Science in London als Leihgabe zu überlassen. Von hier aus erfahren die Menschen, dass die Wrights die ersten Motorflieger der Welt waren. Auf Druck des ameri- kanischen Kongresses trifft die Smithsonian Institution 1942 die Entscheidung, die Wrights als erste Motorflieger anzuerkennen. Darauf hin erklärt sich Orville Wright bereit, den „Flyer 1” zurück in die USA zu holen.

Bedingt durch die Kriegswirren gelingt dies erst nach dem Tod von Orville Wright durch seine Nachfahren im Jahr 1948. Die Wright-Erben überlassen den Original „Flyer 1” zum Preis von einem Dollar in bar der Smithsonian Institution.

Dieses Geschäft war jedoch an verschiedene Bedingungen geknüpft, die bis heute ihre Brisanz nicht verloren haben. Einige davon veröffentlichte Albert Wüst in seinem Buch Gustav Weißkopf: “Ich flog vor den Wrights”, die Zusammenfassung von Ergebnissen seiner Forschungen über Gustav Weißkopf.
(Leutershausen, 2. Auflage 2000, ISBN: 3-922175-39-2)

So schrieb er, dass ausschließlich die Wright-Erben exakt den Inhalt des Textes auf der Informationstafel bestimmten, die die Besucher über den “Flyer 1” informieren soll. Der übersetzte Text lautet:

Flyer 1

Der „Flyer 1”, ausgestellt im
National Air and Space Museum,
das dem Smithsonian angegliedert ist.

Die Original-Gebrüder-Wright-Flugmaschine,
der Welt erste motorgetriebene Schwerer-als-Luft-Maschine,
in der der Mensch freien, gelenkten und stetigen Flug machte;
erfunden und gebaut von Wilbur und Orville Wright,
von ihnen geflogen in Kitty Hawk, Nord-Carolina, am
17. Dezember 1903.
Durch eigenständige wissenschaftliche Forschung entdeckten
die Gebrüder Wright die Grundlagen des Menschenfluges;
als Erfinder, Erbauer und Flieger
haben sie das Flugzeug weiterentwickelt,
lehrten dem Menschen das Fliegen und öffneten die Ära der Luftfahrt.
Vom Nachlass des Orville Wright zur Verfügung gestellt.”

Eine weitere Bedingung war:

Weder die Smithsonian Institution oder deren Nachfolger, noch jegliches von der Smithsonian Institution oder deren Nachfolger für die Vereinigten Staaten von Amerika verwaltete/s Museum oder Agentur, Amt oder Abteilung, darf öffentlich bekannt machen oder eine Erklärung oder eine Aufschrift in Verbindung mit oder in Bezug zu einem Flugzeug-Typ oder Entwurf mit einem früheren Datum als dem des Wright-Flugzeuges von 1903 mit der Behauptung versehen, dass dieses Flugzeug in der Lage war, einen Menschen unter eigener Kraft im kontrollierten Flug zu tragen.”

Ferner wurde vertraglich bestimmt, dass im Falle eines Verstoßes gegen diese Vereinbarungen die Smithsonian Institution den „Flyer 1” an die Wright-Erben zurück geben muss.

Diesen und weiteren Ungereimtheiten sind Professor Weißenborn von der University of St. Michael’s College und William O’Dwyer in seinem Buch „History by Contract” nachgegangen.

Auch stimmt es verwunderlich, wenn im Vertrag der Wrights mit der Smithsonian Institution eindeutig das Original des „Flyer 1” niedergeschrieben ist, dieses jedoch nach dem vierten Flug am 17. Dezember 1903 von einer Windbö erfasst und völlig zerstört wurde. Dieser Vorfall wird in Büchern wie „Geschichte der Luftfahrt”, Streit/Taylor und „Kill Devil Hill”, Harry Combs (in der deutschen Ausgabe „Brüder des Winds”) beschrieben. Auch im Internet auf einer Seite der „OFFICIAL Map of the North Carolina Coast” berichtet Eric Hause in seinem Artikelt über die „Wright Brothers” vom „gust of wind”.

Und so bleibt die Frage offen, Geschichte – oder was ist wahr?

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Andreas Asche

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